Zerschneidung der Landschaft

Zerschneidung der Landschaft

Deutschland ist von einem über 600.000 Kilometer langen Netz aus Autobahnen und Bundesstraßen durchzogen. Während wir Menschen dadurch (meistens) schneller von A nach B kommen, bilden die Straßen für Wildtiere sehr gefährliche Grenzen.

Ein prominentes Beispiel für wandernde Wildtiere sind Wölfe. Da sich Isegrimm gerade wieder bei uns ansiedelt, werden die heimlichen Raubtiere sehr aufmerksam beobachtet. Taucht ein Rudel irgendwo auf, gibt es sofort einen Medienbericht darüber. Vielen Menschen ist aber gar nicht bewusst, dass auch die meisten anderen Wildtiere nicht in einer Region bleiben. Rehe, Wildschweine, Waschbären, Füchse, Luchse, Fischotter, Lurche: Sie alle wandern, um Nahrung, Unterschlupf oder einen Partner für die Paarung zu finden.

Wildunfälle in Deutschland

Durch den Straßenbau hat sich in Deutschland nach und nach ein Flickenteppich aus kleinen Gefängnissen gebildet. Landschaften (und vor allem Lebensräume) wurden zerschnitten, die Straßen fungieren als Grenzanlagen aus Asphalt. Tiere können die Geschwindigkeit eines nahenden Autos nicht gut genug einschätzen und springen oft genau im falschen Moment über die Straße. Bei den Rehen kostet das über 200.000 pro Jahr das Leben, bei den Wildschweinen sind es 23.000. Bei den kleineren Tieren gibt es weniger genaue Zahlen. Allerdings sterben in Brandenburg jedes Jahr rund 50 Fischotter im Straßenverkehr – für die sowieso bedrohte Art ist das ein dramatischer Schwund. Auch die niedersächsischen Wildkatzen sind gefährdet. Dass sie immer wieder bei Autounfällen sterben, wirkt dem natürlich nicht entgegen.

Mancher wird vielleicht fragen, ob die Tiere ihre Bedürfnisse nicht vielleicht doch in dem Lebensraum stillen können, der ihnen noch bleibt. Doch die Antwort lautet: Nein. Dazu sind die meisten verbliebenen Landschaften gar nicht weitläufig genug. In Deutschland gibt es aktuell nur noch acht unzerschnittene Lebensräume, die größer als 400 Quadratkilometer sind. So viel Platz braucht allein ein Luchsmännchen als Revier. Viele Reviere sind so klein, dass die Tiere unter zu viel Konkurrenzdruck sowie Lärm und Störungen durch den Menschen leiden. Auch der Klimawandel sorgt dafür, dass manche Tiere ihren Lebensraum wechseln möchten – aber eben oft nicht können.

Dramatische Langzeitfolgen

Und es gibt ein weiteres, großes Problem. Neben den Wildunfällen ist genetische Isolation eine weitere Folge der Zerschneidung. Anders gesagt: Können sich die Populationen untereinander nicht mehr austauschen, ist auch die Auswahl an Fortpflanzungspartnern überschaubar. Das erhöht die Gefahr der Inzucht. Weibchen werden außerdem weniger fruchtbar und die Population droht auszusterben. Ist das einmal passiert, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass das Gebiet neu von der Art besiedelt wird.

Übrigens sind nicht nur Wirbeltiere betroffen. Viele von ihnen nehmen Insekten und Pflanzensamen als „blinde Passagiere" im Fell mit. Auch sie können sich also weniger gut verbreiten. Das macht die Lebensraumzerschneidung zu einem Problem, das fast die gesamte Flora und Fauna beeinflusst.

Was tun?

Um die Gefahr der Wildunfälle abzuschwächen, können Sie natürlich vor allem eines tun: vorsichtig fahren. Viele Autofahrer nehmen Schilder, die auf Wildwechsel oder Krötenwanderungen aufmerksam machen, nicht ernst. Drosseln Sie die Geschwindigkeit, wenn Sie so ein Schild sehen und achten Sie auf Bewegungen am Rand der Fahrbahn. Eine weitere Möglichkeit wäre, einfach seltener Auto zu fahren. Damit tun Sie gleichzeitig noch etwas für den Klimaschutz.

Brücken für Wildtiere

Mit solchen Maßnahmen ist aber natürlich noch nicht genug getan. Das Bundesministerium für Umwelt und Naturschutz verfolgt seit einigen Jahren das „Bundesprogramm Wiedervernetzung". (https://www.bmu.de/download/das-bundesprogramm-wiedervernetzung/) Zur bisherigen Umsetzung gehören vor allem Grünbrücken, die Straßen und Bahngleise für Tiere überwindbar machen sollen. (http://www.nabu.de/natur-und-landschaft/naturschutz/deutschland/14468.html) Bis 2020 sollen mehr als 90 solcher Querungshilfen stehen. Für die Zukunft heißt es im Programm: „Bei raumwirksamen Entscheidungen ist das Netz der Lebensraumkorridore in Deutschland zu beachten." Soll eine neue Straße gebaut werden, muss der Artenschutz also in die Entscheidung einfließen. Naturschützer können hier nur hoffen, dass dieser Grundsatz tatsächlich umgesetzt wird. Grünbrücken sind zwar erstmal nützlich und verhindern eine gewisse Anzahl von Wildunfällen, doch sie können nicht die alleinige Dauerlösung sein.

Der NABU fordert, dass jeweils drei durchgehend freie Wildwege von Nord nach Süd sowie von West nach Ost geöffnet werden. Diese Wildkorridore sollen den fünf Leitarten Wildkatze, Luchs, Wolf, Rothirsch und Fischotter ein unfallfreies Wandern ermöglichen. Und auch kleinere Tiere würden natürlich von solchen Wegen profitieren. Damit sie entstehen können, müssten 125 Grünbrücken und andere Konstruktionen entstehen. Der NABU fordert die Umsetzung dieses Schrittes bis zum Jahr 2020 – was knapp werden dürfte. Wenn Sie von dem Bau einer Grünbrücke in Ihrer Region hören, unterstützen Sie die Aktion und sprechen Sie mit skeptischen Beobachtern über die Vorteile!

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