Der Zug der Kraniche

  Der Zug der Kraniche

Zugvögel legen jedes Jahr weite Strecken zurück, um zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Mit anderen Worten: Sie richten sich nach den Jahreszeiten und fliegen dorthin, wo jeweils die angenehmsten Temperaturen und das beste Nahrungsangebot auf sie warten. Viele ziehen nachts, heimlich und unbeobachtet. Doch es gibt eine Vogelart, die auf dem Zug weder zu überhören noch zu übersehen ist: Kraniche.

Majestätische Schreitvögel

Bei einer Größe von rund 1,20 Meter und einer Flügelspannweite von über zwei Metern ist es nicht verwunderlich, dass der Kranich auffällt. Er ist der größte Schreitvogel Europas und eine sehr elegante Erscheinung. Der eher zarte Kopf mit dem spitzen Schnabel sitzt auf einem langen, schlanken Hals. Beim stehenden Vogel fällt außerdem das pompöse Schwanzgefieder auf. Ein weiteres, wichtiges Merkmal: die langen Beine. Doch nicht nur sein Aussehen und die majestätischen Bewegungen machen den Kranich zu einer besonderen Erscheinung. Er ist auch für seine spektakulären Balztänze bekannt, die man März und April bewundern kann. Dabei springen die Vögel hoch in die Luft, heftiges Flügelschlagen und das Laufen im Zickzack gehören ebenfalls zur Choreographie. Hin und wieder nutzen sie auch ihren Schnabel, um kleine Gegenstände in die Luft zu werfen.

Heute hier, morgen dort

Die meisten Kraniche, die den westeuropäischen Zugweg nutzen, verbringen den Sommer in Skandinavien, Weißrussland und dem Baltikum. In diesen Regionen balzen und brüten sie, dort ziehen sie ihre Jungen groß. Wird es herbstlicher, finden sie sich an großen Sammelplätzen zusammen, um in den Süden zu fliegen. Ein Großteil steuert die Extremadura in Westspanien an, andere Kraniche überwintern auch in Frankreich, Portugal und Nordwestafrika. Mehrere Tausend Tiere bleiben außerdem in Deutschland.

Schon Ende September brechen die ersten Vögel auf. Ihre normale Fluggeschwindigkeit beträgt etwa 80 Kilometer pro Stunde. Bei einer stabilen Hochwetterlage mit Rückenwind lassen sich richtige Massenabflüge beobachten. Gruppen mit über 1.000 Tieren sind dann keine Seltenheit! Um die enorme Distanz zwischen Brutplatz und Winterquartier (oft über 1.000 Kilometer) zu meistern, legen die Vögel mehrere hundert Kilometer pro Tag zurück.

Kraniche beobachten

Doch auch Flugprofis müssen irgendwann eine Pause machen, um zu fressen und zu schlafen. In Deutschland gibt es bestimmte Rastplätze, die jedes Jahr von den Kranichen aufgesucht werden. Ein bekannter Hotspot ist zum Beispiel Groß Mohrdorf in Mecklenburg-Vorpommern. Dort halten sich die Tiere tagelang auf, um auf Gruppen aus weiter entfernten Brutgebieten zu warten. In dieser „Sammelphase" sind vor allem die abendlichen Einflüge am Schlafplatz ein zauberhaftes Naturschauspiel. Nicht weit entfernt liegt der Günzer See mit der modernen und barrierefreien Beobachtungsstation „Kranorama". In diesem Gebäude sind Besucher wunderbar getarnt, so dass die scheuen Vögel nah herankommen und sich gut beobachten lassen.

Aber auch ziehende Kraniche sind einen Blick in den Himmel wert. Man erkennt sie vor allem an ihren unverwechselbaren, melancholischen Trompetenrufen. Diese sind bei günstigen Bedingungen kilometerweit zu hören. Wenn sie dann ins Blickfeld kommen, fällt ihre akkurate V-Formation auf. Vorne, an der Spitze, fliegen die älteren, erfahrenen Tiere. Danach kommen die Familien mit ihren Jungtieren.

Wer die Kraniche mit eigenen Augen gesehen hat, der versteht, warum sie den Menschen schon seit ewigen Zeiten faszinieren. Mit ihrem sanften Wesen wirken die majestätischen Vögel, als kämen sie aus einer anderen Welt. Und wer sie beobachtet, kann für einen kurzen Moment in diese Welt eintauchen.

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